Erste Lektion eines Golfgreenhorns
Sie sind eigentlich sportlich, haben aber bis jetzt nur noch nicht die richtige Sportart gefunden. Finden Sie auch, Sport sollte möglichst wenig anstrengend sein und Ihnen so viel Lust wie möglich verschaffen? Wie wäre es also mit Golf?
David James, der Lehrer für meine erste Golflektion, gab nicht sofort eine Antwort, als ich ihn fragte: "Kann Golfspielen wirklich jede und jeder lernen? Auch ein Linkshänder wie ich?" Entweder hatte ich eine Frage zu viel gestellt oder es war eben doch nicht so einfach. Er antwortete: "Alle können es bis zur PR schaffen. Oder sagen wir 90 Prozent." PR auf dem Golfplatz, was war denn das? "PR heisst Platzreife", erklärte er mir. Mit der Platzreife hast du die Möglichkeit, auf verschiedene Golfplätze zu gehen. Auch auf solche, die nicht der Migros gehören". Er holte zwei Golfschläger aus dem Shop und liess aus einem Automaten einige Handvoll Bälle in ein Gitterkörbchen. "Gehen wir zur Driving Range", forderte er mich auf. Mir tauchte das Bild einer Ranch auf. Wir gingen um den Golfshop herum und standen nach ein paar Metern dort. Na ja, mit der Ranch hatte ich nicht weit gefehlt. Da sind unter einem Vordach vielleicht zehn Boxen nebeneinander aufgereiht, in jeder Boxe ein kleines Stück Kunstrasen auf dem Boden. Davor eine weite, ziemlich kahlgeschorene Weide. In der Mitte ein ovalförmiges grünes Netz über dem Boden aufgespannt. Und ganz weit hinten sah ich eine grüne Bretterwand.
Ich spürte den Ernst der Sache, noch bevor ich richtig auf diesem Fleckchen Kunstrasen in einer dieser Boxen stand. Es wurde mir schon nach Minuten klar, wie wichtig es ist, den Golfschläger mit den richtigen Griffen in den Händen zu halten. Immer wieder versuchte David James, meine Finger und Hände vom Griff zu lösen und um Zehntelsmillimeter zu verschieben. Der Golflehrer dehnte seinen Anweisungen auf meinen ganzen Körper aus: "Geh leicht in die Knie. Du stehst zu nah am Ball. Beuge deinen Oberkörper mehr vor, aber halte deinen Rücken gerade. So ist gut." Ich sah mich wie ein nicht ganz aufgeklapptes Sackmesser dastehen und fühlte ein ziemlich hartes Brett im Rücken. Jetzt gings daran, die Abschlagbewegung zu üben. "Dreh die Schultern. Hol mit den Armen nach links aus. Aber dreh den Oberkörper möglichst nicht. Schlag aus der Bewegung heraus und wisch mit der Schlagfläche des Golfstockes über den Boden." Der Mann hatte Nerven. Glaubte er wirklich, ich würde nun eine halbe Stunde lang diese Trockenübung machen? Ich wollte endlich meinen Ball bis zur Bretterwand hinten in der Ferne fliegen sehen. Endlich bemerkte er: «Jetzt kannst du?s mal mit dem Golfball versuchen.» Ich nahm tief Luft, holte kräftig nach links aus. Der wird schon sehen. Der Ball flog knapp über dem Boden einige Meter nach links weg. "Das war nicht gut!" rief der Golflehrer und trat ganz nah neben mich. Er schien mir enttäuscht, nahm meine Arme und führte mit mir zusammen die Schlagbewegung aus, immer wieder und noch einmal.
Schliesslich forderte mich der Golflehrer auf, die Bewegung alleine zu machen. Dann kam das zweite Okay. Natürlich flog der Ball irgendwohin, nur nicht geradeaus. Doch diesmal war er schön in die Luft gestiegen. "Schon besser", sagte David. "Mach weiter." Etwa beim siebten Abschlag stieg der Ball wunderschön und kam bis zum aufgespannten Netz. "Hast du gesehen? Hast du gesehen, wie weit du gekommen bist?" rief der Golflehrer begeistert. So etwa jeder siebte Abschlag war gut. Nach einer Weile sagte er dann: "Gehen wir jetzt zur Putting-green."
Ich kam mir schon wie ein absolutes Greenhorn vor und musste natürlich fragen, was Putting-green heisst. Der Golflehrer erklärte: "Du musst die englischen Ausdrücke lernen. Dann versteht dich jeder auf der ganzen Welt." Ich folgerte daraus: "Dann lässt sich Putting-green nicht übersetzen?" "Das lässt sich schon übersetzen. To put heisst einlochen. Aber was ist das für ein fürchterliches Wort!" David James hatte schon recht. Der Golflehrer holte einen andern Golfschläger aus dem Shop. Nur war das eben kein Golfschläger, sondern ein Putter, ein Einlocher also, wie ich übersetzte. Wieder die Körperhaltung. Wieder die Bewegung. "Viel zu stark!" rief der Golflehrer immer wieder, wenn der Ball zu weit rollte. Na ja, das war eben gegenüber dem Abschlagen auf der Driving Range eine ganz andere Dimension. Das weisse Bällchen nur einen Meter weit Richtung Loch zu bringen.
Auf der 6-Loch-Anlage trainierten wir zum Schluss die Kombination von Abschlagen und Putten, wie man sagt, wenn man nicht Einlochen gebrauchen will. Doch bald ging die eineinhalbstündige Schnupperlektion ihrem Ende zu. Der Lehrer fragte mich, ob ich Lust hätte, wieder zu kommen. Ich war völlig überrascht. Offenbar tat er mich nicht zu den zehn Prozent, die es beim besten Willen nie zur Platzreife bringen. "Darüber muss ich schlafen", erklärte ich ihm. Als ich nach dem Umziehen beim Empfang vorbeikam, verlangte ich ein Beginnerkurs-Programm.
Text: Bruno Bareth

